Motivierende Gesprächsführung (auch Motivational Interviewing, MI) kann als integrierte Intervention genutzt werden, um Patient*innen zu einer Änderung ihrer Verhaltensweisen zu ermutigen. Gerade bei Erkrankungen, die zu großen Teilen mithilfe von Verhaltensänderungen der Patient*innen behandelt werden können (wie unspezifische Kreuzschmerzen), ist die Motivation der Betroffenen grundlegend.
Verhaltenspsychologische Strategien können in multidisziplinären Kontexten (mit z. B. Ernährungswissenschaftler*innen, Psycholog*innen) eingesetzt werden und umfassen Edukation, körperliche Aktivität, Stressmanagement und Beratung zu psychosozialen Risikofaktoren.
Der Hausarzt * die Hausärztin ist hier einerseits eine wichtige Ansprechperson für die Patient*innen, andererseits wird ihm*ihr auch die Rolle eines Initiators * einer Initiatorin zuteil.
Motivierende Gesprächsführung: Ein evidenzbasierter Ansatz für die ärztliche Praxis
Es zeigen sich in der medizinischen Versorgung hinsichtlich verschiedener gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen statistisch signifikante gemittelte Interventionseffekte von MI gegenüber Standardbehandlung und unbehandelten Kontrollen (Odds Ratio: 1,55; 95%-Konfidenzintervall: [1,40; 1,71]) [2]. MI ist ein effektiver, evidenzbasierter Ansatz und dient der Erhöhung von Veränderungsmotivation bei verschiedenen verhaltensbedingten Gesundheitsproblemen und der Förderung von Behandlungsadhärenz. Es kann zum Erfolg von ärztlichen Interventionen beitragen und die Beziehung zwischen Ärzt*in und Patient*in sowie die Effizienz der Konsultation verbessern [2-7].
Details zur Evidenz
Ein positiver Effekt der motivierenden Gesprächsführung konnte im Bezug auf die folgenden Endpunkte festgestellt werden:
- MI durch Allgemeinmediziner*innen: In zwei Dritteln der Studien wurde eine signifikante Verbesserung bei mindestens einem der folgenden patientenbezogenen Endpunkte festgestellt: Gesamtcholesterin, Lipoproteine niedriger Dichte, Nüchternblutzucker, HbA1c, Body-Mass-Index, Blutdruck, Taillenumfang und körperliche Aktivitäten [5].
- Gewichtskontrolle bei Frauen: Die Effektstärke von MI bezogen auf die Verringerung des Körpergewichts (kg) betrug 0,19 (95%-Konfidenzintervall: [– 0,13, 0,26]; p < 0,01), und die Effektstärke von MI bezogen auf die Verringerung des BMI betrug 0,35 (95%-Konfidenzintervall: [0,12, 0,58]; p < 0,01) [6].
Keine oder nicht ausreichende Evidenz für einen Nutzen der motivierenden Gesprächsführung wurde in folgenden Kontexten gefunden:
- Der Effekt von MI zur Rauchentwöhnung ist gering: Die Wahrscheinlichkeit, mit dem Rauchen aufzuhören, war geringfügig höher, wenn die Personen MI erhielten, als wenn sie eine andere Behandlung zur Rauchentwöhnung erhielten [7].
- Behandlung von Jugendlichen mit Adipositas: MI allein scheint bei der Behandlung von Übergewicht und Adipositas bei Jugendlichen nicht wirksam zu sein [8].
Methoden und Techniken
Die motivierende Gesprächsführung (MI) ist ein Gesprächsstil, um mit den Patient*innen in Kontakt zu treten, ihre Stärken und Wünsche zu klären, ihre eigene Motivation für Veränderungen zu wecken und ihre Entscheidungsfreiheit zu fördern. MI wird nicht an Patient*innen durchgeführt, sondern mit ihnen. Somit tragen die Patient*innen selbst zum Erfolg einer Verhaltensänderung und zur Gesundheitsverbesserung bei. Der*die Behandelnde wirkt unterstützend auf dem Weg, die geeigneten Ressourcen dafür zu erlangen. Die Kommunikation findet auf Augenhöhe statt [4, 9, 10].
Der Weg zur motivierenden Gesprächsführung
Die Motivierende Gesprächsführung orientiert sich nach Carl Rogers an der Haltung des Patienten * der Patientin. Sie können sich MI in drei Schritten aneignen:
- Üben Sie einen lenkenden und nicht einen dirigierenden Gesprächsstil.
- Entwickeln Sie Strategien, um die eigene Motivation des*der Betroffenen zur Veränderung herauszufinden.
- Verfeinern Sie Ihre Zuhörfähigkeiten und reagieren Sie darauf, indem Sie zu Gesprächen über Veränderungen ermutigen [4].
Techniken
Konkrete Techniken, die bei MI eingesetzt werden, lassen sich unter dem Überbegriff OARS (engl. Ruder) zusammenfassen [9]:
- Open-ended questions: Stellen Sie offene Fragen.
- Affirmation: Bestätigen und bekräftigen Sie die Betroffenen.
- Reflective listening: Hören Sie aktiv zu und geben Sie Rückmeldungen zum Gesagten.
- Summarizing: Fassen Sie zusammen, wie Sie die Patient*innen verstanden haben.
- Über welche Veränderungen würden Sie am liebsten sprechen?
- Was haben Sie über … festgestellt?
- Wie wichtig ist Ihnen die Veränderung von … ?
- Wie zuversichtlich sind Sie, was die Veränderung von … betrifft?
- Worin sehen Sie die Vorteile von … ?
- Worin sehen Sie den Nachteil von … ?
- Was würde für Sie am meisten Sinn machen?
- Wie könnten die Dinge anders sein, wenn Sie … ?
- Auf welche Weise … ?
- Was bedeutet das jetzt für Sie?
Quelle: [4]
Gesprächsführung will geübt sein
Wenn Sie sich dazu entschließen, Motivational Interviewing als neue Komponente in Ihre Konsultation aufzunehmen, ist es wichtig sie praktisch zu üben. Denn die Gesprächstechnik wird zumindest in Teilen wahrscheinlich Änderungen Ihrer Gewohnheiten beinhalten, die sich im Austausch mit Gleichgesinnten festigen lassen.
An vielen Universitäten werden dazu Kurse angeboten, in denen Interessierte neben den Grundlagen auch die Anwendung von Motivational Interviewing lernen können. Sie profitieren stark davon, wenn die Dialogsituation konkret geübt wird.
Mehr Hintergründe: Gesundheitspsychologische Modelle zur Verhaltensänderung
Die Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien deutet darauf hin, dass theoriegestützte Interventionen Verhaltensänderungen ermöglichen. Dazu haben Barley und Lawson fünf bewährte Theorien zur Verhaltensänderung vorgestellt und ihren Effekt untersucht [11]:
- Das Health Belief Model (Modell gesundheitlicher Überzeugung)
- Die Theorie des geplanten Verhaltens
- Das Transtheoretische Modell (Stages of Change Model)
- Die Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT)
- Die Theorie der zeitlichen Selbstregulierung.
Mithilfe dieser Modelle können Behandelnde Faktoren erkennen, die Verhaltensänderungen beeinflussen (wie etwa gesundheitliche Überzeugungen, vergangenes Verhalten, Intentionen, die wahrgenommene Kontrolle oder den Kontext des Verhaltens). Sind diese Faktoren bekannt, können Behandelnde verstehen, weshalb Patient*innen bestimmte empfohlene Verhaltensänderungen manchmal schwer fallen und sie können dann Hilfestellungen ausmachen [11].
Beschäftigen Sie sich bei Interesse tiefergehend mit den gesundheitspsychologischen Ansätzen, um die Kommunikation mit Ihren Patient*innen erfolgreich zu gestalten. Im anwendungsbezogenen Modell nach Robert Harper wird beispielsweise thematisiert, wie die Persönlichkeit von Patient*innen den Verlauf von Erkrankungen beeinflussen und mit ihm interagieren kann. Einige praktische Orientierungshilfen bieten Anstöße für die alltägliche Konsultation [12].